Blogbeitrag

15 | 11 | 2010

Jahresprojekt Denkmalpflege – Orlandi-Haus in Bever (CH)

Geschrieben von Sönke C. Skär um 21:18 Uhr

Von Sönke C. Skär

Die herrschaftliche „Chesa Orlandi“ überragt den ganzen Ort

Der Mainzer Denkmalpfleger Dr. Hans Caspary hatte bereits 2007 die Idee eines studentischen Seminares, um dem in die Jahre gekommenen herrschaftlichen Patrizierhaus, der „Chesa Orlandi“ in dem kleinen Schweizer Ort Bever im Engadin zu neuem Glanz zu verhelfen. Bereits seit mehreren Jahrzehnten ist er regelmäßiger Gast in dem reichhaltig ausgestatteten Haus, das einst der Zuckerbäckerfamilie Orlandi gehörte.

Die Orlandis suchten im 17. und 18. Jahrhundert einen Ausweg aus den kargen Erträgen einer unrentabel gewordenen Landwirtschaft und wanderten, wie viele in dieser Zeit, aus um die Graubündener Zuckerbäckerkunst in die Welt zu tragen. In Wien verkauften sie 1789 eine stadtbekannte Bäckerei um ihre Geschäfte nach Dresden zu verlagern.

Die so erwirtschafteten Erträge wurden in Ländereien und Immobilien im Engadin investiert. Es ist anzunehmen, dass der letzte große Umbau der Chesa Orlandi um 1822 ebenso aus diesen Mitteln finanziert wurde. Der markante Bau, zu dem auch eine freistehende Scheune und ein moderner Stall gehören, liegt direkt an der ehemaligen Passstraße von der Schweiz nach Italien und überragt die weiteren Gebäude im Ort um ein vielfaches. Holzvertäfelte Zimmer, Stuckdecken, und mehrere Kaminöfen zeigen den Reichtum, welcher zum Bau der Anlage geführt hat.

Lehre mit Praxisbezug

Nur wenige Räume im Haus werden von dem jetzigen Eigentümer Yves Guidon und seiner Mutter selbst bewohnt. Die meisten werden als Gästezimmer an treue Stammgäste vermietet. Die wenigen Bäder im Haus, stammen aus den 1970er Jahren und sind dringend sanierungsbedürftig. Um das Gebäude für einen zeitgemäßen Fremdenverkehr zu nutzen, ist eine behutsame Sanierung notwendig.

Das didaktische Programm des Seminares richtete sich an Studierende höherer Semester im Diplomstudiengang Architektur, um die bereits erworbenen Kenntnisse der fachgerechten Bauaufnahme und Altbauinstandsetzung zu vertiefen.

Die Grundlage für eine behutsame Sanierung bildet eine sorgfältige, denkmalpflegerische Bestandsaufnahme, durch ein digitales, tachymetrisches Aufmaß in Grundriss und Schnitt.
Ergänzt durch eine photogrammetrische Aufnahme der Ansichten, entstand so vor Ort unter
der Anleitung und Mithilfe der Mitarbeiter des IProD ein kompletter Plansatz. Teilbereiche des Gebäudes wurden von Hand vermessen, um den Plansatz verformungsgetreu zu vervollständigen.

Die Bauaufnahme durch die Studierenden wies auf Grund der begrenzten Zeit vor Ort noch einige Lücken auf. Für die Semesterentwürfe reichten die ermittelten Grundlagen jedoch aus.

Tachymeteraufnahme vor beeindruckender Bergkulisse

Im Nachgang des Studentenprojektes wurde der Planbestand durch Mitarbeiter des IProD der FH Mainz verformungsgetreu ergänzt und der Denkmalpflege in Chur übergeben. Die Genauigkeit dieses neu erstellten Plansatzes erlaubt Interpretationen zur Bau- und Umbaugeschichte des Hauses und ist hierdurch auch für die kantonale Denkmalpflege in Chur, welche das Seminar finanziell unterstützte, sehr wertvoll.

Eine weitere Sicherheit über die Baugeschichte könnte eine sanierungsbegleitende Bauforschung im Zuge künftiger Maßnahmen am Haus bringen.

Ergänzt wurde das vollständige digitale Planwerk durch mehrere Raumbücher zur Analyse der Innenausstattung und Haustechnik. Im Rahmen des Seminares und seiner Nachbereitung entstanden somit vollständige Bestandsunterlagen die zuverlässig für ein zukünftiges Sanierungs- und Modernisierungsprojekt verwendbar sind.

Mittagspause im Garten

Während der elf Tage vor Ort befassten sich die Studierenden sehr intensiv mit dem Haus, das als Studienobjekt und Selbstversorger-Herberge gleichermaßen diente. Die weitere Aufgabe im laufenden Semester bestand darin, ein denkmalverträgliches Konzept zu Umbau und Modernisierung des Hauses als Pensionsbetrieb zu entwickeln. Das temporäre bewohnen eignete sich hervorragend um die Spielräume und Grenzen neuer Konzepte auszuloten.

Gemeinsames Essen mit anschließender „Lagebesprechung“

Die entstanden Konzepte nahmen Freiheiten in Anspruch, die unter streng konservatorischen Gesichtspunkten nicht gegeben sind. Die Entwürfe stellen im Rahmen der Lehre didaktische Übungen dar, deren Umsetzung nicht vorgesehen ist. Sie regen jedoch zum weiterdenken an und zeigen gerade auch durch die Überschreitung denkmalpflegerischer Grenzen, was dem Haus noch zugemutet werden kann und was nicht. Die denkmalpflegerische Bestandsaufnahme ist hingegen unverzichtbar für jedes realitätsnahe Projekt.

Prof. Emil Hädler erläutert die Konzepte vor interessiertem Publikum

Die Ausstellung

Die Ergebnisse des Jahresprojekts Denkmalpflege „Orlandi-Haus in Bever“ wurden durch
Prof. Emil Hädler und Mitarbeiter des IProD in einer Ausstellung in Bever präsentiert. Die Vorschläge der Studierenden zur Umnutzung und Entwicklung des Hauses stießen bei den Vertretern des Gemeinderats, der Graubündener Denkmalpflege und interessierten Bürgern auf großes Interesse.

Die Ausstellung im modernen Stall der Chesa Orlandi zeigte die gesamte Bandbreite der entstandenen Arbeiten, von der denkmalpflegerischen Bestandsaufnahme, den konzeptionellen Entwürfen bis hin zu Modellen im Maßstab 1:50.

Letzte Änderung am: 27. Mai 2016

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