DomRekonstruktionen

Von Emil Hädler

Über einen Zeitraum von 15 Jahren erforschte ein interdisziplinär zusammengesetztes
Team unter Beteiligung der FH Mainz die Bauphasen der Jahrtausendkathedrale

Möglicherweise ist die eigentliche Botschaft des Mainzer Doms die der ewigen Baustelle – Dom im Gerüst, 1926

Dieser Bericht über ein fünfzehnjähriges Engagement am Mainzer Dom will
Möglichkeiten aufzeigen, die der Einsatz mit Studierenden jenseits des Regelbetriebs
der Hochschule bietet. Er will aber auch die Grenzen ausloten dessen, was
eine Hochschule in ihrer heutigen Struktur leisten kann bzw. sich zumuten sollte.

An einer „Jahrtausendkathedrale“ kommen und gehen die Baumeister, die Bischöfe,
die Domdekane und die Forscher. Es ist Bescheidenheit angesagt angesichts
der Vorgänger, auf deren breiten Schultern wir dort stehen: Als Hochschullehrer
reichen wir das Erbe an die nächste An einer „Jahrtausendkathedrale“ kommen
und gehen die Baumeister, die Bischöfe, die Domdekane und die Forscher.

Es ist Bescheidenheit angesagt angesichts der Vorgänger, auf deren breiten Schultern
wir dort stehen: Als Hochschullehrer reichen wir das Erbe an die nächste Generation weiter – interpretierend, erklärend, auch Hand anlegend. Brückenbauer sind wir aus der Vergangenheit in die Zukunft und bleiben doch Studierende.
Fast jede Generation sah ihren Dom einmal im Leben im Gerüst. Möglicherweise ist die eigentliche Botschaft des Mainzer Doms die der ewigen Baustelle.

Steine zum Reden bringen

„Steine zum Reden bringen“ lautet der Titel des letzten Aufsatzes in der Sonderedition „DOMrekonstruktionen“, die im März 2010 erschien ist1. Von 2001 bis 2009 studierten siebzig Studierende und fünf wissenschaftliche Mitarbeiter der FH und der Uni Mainz sowie der Universität La Sapienza in Rom am Mainzer Dom, unter meiner Anleitung für die künftigen Architekten, unter der von Dethard von Winterfeld für
die angehenden Kunsthistoriker. In bunten Farben interpretiert, gaben die Steine auf dem Gerüst und unter den Dächern Geheimnisse preis, die sie noch niemandem erzählt hatten. In Ameisenarbeit Stein für Fuge schlugen sich Beobachtungen in DIN A3-Kartierungen nieder und füllten Ordner, Planschränke, Festplatten. Vorsichtig näherten wir uns diesem Dom so, wie er sich seiner roten Farbe entkleidet hinter den Gerüstnetzen darbot. Die achtundachzigseitige Publikation atmet diesen Geist, zeigt das allmähliche Herantasten und die akribische Suche nach Spuren, die zuerst unbedeutend erschienen, zuletzt als Mosaiksteine ein kompliziertes Puzzle lesbar machten.

Die Publikation wäre nicht so gut gelungen ohne das respektlose Herangehen der acht Studierenden des Kommunikationsdesigns unter Anleitung von Isabel Naegele, die im
Sommersemester 2009 praxisnah das unendliche Rohmaterial der Architekten und
Kunsthistoriker lesbar machten für das Verständnis eines nicht fachlich vorgebildeten,
aber interessierten Publikums.

Arbeit an einem Heiligtum

Es gibt im Rückblick gute Gründe, die dagegen sprechen, über einen so langen Zeitraum mit Studierenden an einem sensiblen Bauwerk wie dem Mainzer Dom tätig zu sein. Der Dom ist kein Objekt wie viele andere, kein Gebirge aus Stein, das jedermann seine Geheimnisse preisgeben soll. Im Kooperationsvertrag des Domkapitels mit den Hochschulen 2001 wird darauf verwiesen, dass der Dom nicht ein Baudenkmal sei, sondern ein Heiligtum. Wie aber bewegen sich Hochschullehrer mit ihren Studierenden an, in und auf einem Heiligtum, in dem die Liturgie immer Vorrang hat?

Vertrauen ist die Voraussetzung für ein solches Unternehmen. Dieses Projekt hing von einer glücklichen Konstellation ab – zwischen den beteiligten Hochschullehrern über die Grenzen dreier Fachdisziplinen ebenso, wie vom kirchlichen Partner, dem Domkapitel mit Domdekan Wolfgang Rolly und dem damals beauftragten Architekturbüro BHS Bingenheimer, Hädler, Schmilinsky in Darmstadt. Das Büro, dem der Verfasser dieses Aufsatzes damals als Gesellschafter angehörte, hatte ab 1999 die Christuskirche in Mainz saniert und war 2001 mit der Instandsetzung des Ostbaus am Dom beauftragt worden. An der Musterachse des nordöstlichen Flankenturms und am Ostbau sollte eine Methodik entwickelt werden, nach der die Dombauhütte die weiteren Bauabschnitte selbst realisieren könnte. Eine wissenschaftliche Bauforschung lag nicht im Interesse des Domkapitels, auch eine Finanzierung war dafür nicht eingestellt. In der Konstellation des damaligen Domdekans und Weihbischofs Wolfgang Rolly († 2008), des Diözesanbaumeisters Dr. Manfred Stollenwerk und des Diözesankonservators Dr.
Jürgen Kotzur, unterstützt vom Landesamt für Denkmalpflege, kam ein Förderantrag an
das Kulturministerium auf den Weg, der mit Mitteln des Präsidenten der FH Mainz über
vier Jahre ein erhebliches finanzielles Volumen aus dem Programm „Wissen schaf(f)t
Zukunft“ auf die Domforschung lenkte.

Wie empfindlich und flüchtig der günstige Augenblick war, zeigte sich 2003 mit dem Wechsel des Domdekans. Der neue hatte wenig übrig für den Einsatz der Hochschulen. Der Vertrag war geschlossen und die ersten Mittel geflossen. Ein Zurück gab es nicht, aber viele Behinderungen, die den Studierenden mit ihrem Engagement kaum begreiflicherschienen. Es bedurfte der Intervention aus dem Kulturministerium, um das laufende Programm nicht scheitern zu lassen.

Flucht aus der Glockenstube

Im Rückblick soll das Projekt mit Dombaumeister Gerd Engel am Glockenstuhl des Westturms beispielhaft für einen geglückten Hochschuleinsatz genannt werden. 1995 warerkennbar, dass bei vollem Geläut an hohen Festtagen der hölzerne Glockenstuhl des Westturms so sehr in Bewegung geriet, dass er von innen ähnlich einem großen „Hammer“ gegen den steinernen Turm zu schlagen drohte. Zwölf Studierende der Architektur und ein Diplomand des Bauingenieurwesens, angeleitet von vier Professoren, erfassten und analysierten in einer einjährigen Kampagne geometrisch, physikalisch und statisch-konstruktiv das dendrochronologisch auf 1808 datierte Stuhlgebinde und fertigten meisterliche Zeichnungen an – im „vordigitalen“ Zeitalter im Schnurgerüst
von Hand mit Bleistift auf verziehungsfreier Folie.

Die beengten Verhältnisse zwischen der Stuhlkonstruktion und den 8 Glocken, unterbrochen vom ohrenbetäubenden Stundenschlag, waren schwierig: Bei Geläut mussten wir vor den durchschwingenden Glocken aus der Glockenstube flüchten. Ein Klöppel zerschlug unseren Zeichentisch in der Mittagspause. Die Lösung fand Günter Schneider, Vorsitzender der Glockenkommission der Diözese: Mit festgebundenen Klöppeln wurde ein „Geläut ohne Glockenschlag“ ausgelöst, bei dem die im Stuhl mit Zollstöcken positionierten Studierenden
den Ausschlag der Konstruktion aufnahmen und im Plan eintrugen – ein archaisches, nicht ganz ungefährliches, aber wirkungsvolles Vermessungsverfahren. Eine damals
noch sehr schlichte Computersimulation zeigt in Überhöhung die Bewegung des Stuhls. Das Knarren und Ächzen der Konstruktion beim Messvorgang wird allen Beteiligten unvergesslich sein.

Das Projekt war erfolgreich, weil es als Jahresprojekt 1995/96 innerhalb einer Studentengeneration von Anfang bis Ende mit demselben Team durchgeführt werden konnte. Die vertrauensvolle Kooperation aller Beteiligten bis zur ausführenden Zimmerei ars Ligni (Uwe Rumeney) war beispielhaft.

Beide Studierendenteams – am Glockenstuhl wie auf dem Baugerüst – gewannen das Gutenbergstipendium der Stadt Mainz.
Das Bauforschungsprojekt auf dem Baugerüst sollte nach der Finanzierung aus
„Wissen Schaf(f)t Zukunft“ durch eine DFG-Förderung über ein Jahrzehnt die
fortschreitende Baustelle nutzen und nahm den Wechsel der Studienjahrgänge bewusst
ein Kauf – rückblickend ein Irrtum. Die DFG-Förderung war greifbar nahe – und
kam wegen Unstimmigkeiten zwischen den Vertragspartnern nicht zustande.

Neue Studienstruktur gefährdet die Kontinuität

Hochschulforschung, die auch Studierende als Personal einsetzt, benötigt Kontinuität, die die Struktur der kurzen Bachelor/ Master-Studiengänge nicht vorsieht: Projektarbeiten über mehrere Semester widersprechen der Modularisierung des Studiums. Wissenschaftliche Mitarbeiter erhalten nur kurz getaktete Arbeitsverträge. Ein professionelles Projektteam lässt sich so kaum über einen längeren Zeitraum halten. Genau dies aber verlangt die Bauforschung am Dom. Deshalb begleitet inzwischen ein privates Bauforschungsbüro die Baustelle. Der Dom ist heute kein Lernort mehr für die Mainzer Hochschulen. Experimente mit digitalen Modellen, virtuelle Interpretationen und
Internet-Auftritte fügen der Forschung nichts Neues hinzu. Sie bilden ab, ersetzen
aber niemals die haptische Beschäftigung mit dem Original.

Forschung an Hochschulen ist auf die Einwerbung von Fördermitteln angewiesen,
doch die Forschungstöpfe sind heiß umkämpft. Fachhochschulen sind bei der Beantragung ohne wissenschaftlichen Mittelbau benachteiligt. Über Bordmittel für Veröffentlichungen verfügen sie nicht. Die Publikation des Domprojekts wurde durch privates Sponsoring ermöglicht. Der Sparzwang öffentlicher Hände zwingt zur „Drittmitteleinwerbung“. Im Ranking der Hochschulen schlägt sich diese ebenso nieder wie bei der Akkreditierung von
Studiengängen oder bei Forschungsprämien. Bei der Jagd nach Projektpartnern gerät
die Freiheit der Forschung durchaus in Bedrängnis: Drittmittelfinanzierte Institute
treten in Konkurrenz zu einem enger werdenden Markt, auf dem sich Freiberufler
engagieren – auch Absolventen der eigenen Hochschule. Bei der Akquise von
Projekten treten mitunter Rücksichtnahmen auf, die mit der „Freiheit der Wissenschaften“
kaum vereinbar sind.

Ein Institut e.V. an der Universität Mainz vermied die gemeinsame Präsentation der Forschungsergebnisse am Dom beim Wissenschaftsmarkt 2009, um nicht künftige
Projekte mit dem Bistum zu gefährden – die Schere der Selbstzensur im Kopf?.
„Honi soit qui mal y pense“ – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Hochschulforschung
erfährt ihre Grenzen im Alltäglichen.
Auch am Hohen Dom zu Mainz agieren nur Menschen.

Weitere Informationen zum download finden Sie hier.

Kommentare und Pings sind geschlossen.